(Martin Martens) Ein Delir ist kein Zufall, sondern ein medizinischer Notfall, der oft vermeidbar ist. Die neue S3-Leitlinie „Delir im höheren Lebensalter“ gibt uns erstmals klare Antworten auf die drängendsten Fragen im Pflegealltag. Sie bildet die Grundlage, mit der alle Einrichtungen, die an der professionellen Pflege beteiligt sind, einen standardisierten Umgang mit dem Thema Delir entwickeln können. Diese Leitlinie
wurde federführend durch die Deutsche Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie (DGGPP) und die Deutsche Gesellschaft für Geriatrie (DGG) erarbeitet und veröffentlicht.
Doch was ist ein Delir eigentlich?
Wissenschaftlich gesehen handelt es sich bei einem Delir um eine akute Störung der Aufmerksamkeit und des Bewusstseins. Dabei können bestimmte Situationen – wie Infekte, Operationen oder auch Flüssigkeitsmangel – durch körperlichen Stress das Gehirn in einen Ausnahmezustand bringen. In der Leitlinie werden drei Formen des Delirs unterschieden:
Das hyperaktive Delir
Der Patient ist unruhig, angespannt oder aggressiv. Dies ist der „klassische“ Fall.
Das hypoaktive Delir
Der Patient ist schläfrig, inaktiv und wirkt teilnahmslos. Diese Form des Delirs ist die gefährlichste Form, da sie am häufigsten übersehen wird und gleichzeitig die höchste Sterblichkeitsrate aufweist.
Die Mischform
Bei dieser Form befindet sich der Patient in einem Wechsel beider Zustände. Um die Empfehlungen wissenschaftlich fundiert aufzuarbeiten, nutzt die Leitlinie das sogenannte PICO-Format. Dieses Format ermöglicht, alle Inhalte der Leitlinie übersichtlich darzustellen, da es immer den Patienten, die Behandlung, Alternativmaßnahmen und das Behandlungsziel in den Fokus setzt.
P = Patient
I = Intervention (Behandlung)
C = Comparison (Alternativmaßnahme)
O = Outcome (Behandlungsziel)
Wir haben folgende sechs Kernbereiche für Sie in Kürze zusammengefasst, damit Sie einen Überblick bekommen und in Ihrer täglichen Arbeit davon profitieren können. Es ist allerdings wichtig zu erwähnen, dass dieser Beitrag lediglich als eine allgemeine Einführung in diese Leitlinie zu lesen ist und möglichst kompakt gehalten wurde.
1. Delirrisikofaktoren und Delirrisikoscreening: Wer ist gefährdet?
Der erste Bereich befasst sich mit der Identifikation von begünstigenden und auslösenden Risikofaktoren, wie z.B. das Alter, eine Demenz oder Multimorbidität. Das Ziel ist die frühzeitige Erkennung von Hochrisikopatienten durch empfohlene Instrumente.
Praxis-Tipp: Screenen Sie Risikopatienten (über 65 Jahre, Demenz oder schwere
Vorerkrankungen) regelmäßig. Nur wer hinsieht, kann handeln!
2. Delirscreening: Wie erkenne ich den Notfall?
Hier steht eine möglichst zeiteffiziente Identifikation eines bereits bestehenden akuten Delirs im Vordergrund. Es werden geeignete Instrumente empfohlen, so dass betroffene Patienten zeitnah eine notwendige Behandlung erfahren. Praxis-Tipp: Schulen Sie alle Mitarbeiter im Umgang mit den von Ihnen genutzten Instrumenten. Nur durch die Identifikation eines Delirs, kann den Patienten geholfen
werden.
3. Diagnostik: Was steckt dahinter?
Nachdem ein Delir identifiziert wurde, beginnt die Abklärung der möglichen Ursachen. Deshalb beschreibt dieser Bereich Empfehlungen zur systematischen Such nach den zugrunde liegenden körperlichen Ursachen des Delirs.
Praxis-Tipp: Denken Sie an die „Klassiker“: Harnwegsinfekte, Flüssigkeitsmangel (Dehydration) oder unentdeckte Schmerzen. Sie kennen die Patienten häufig am besten, darauf sollten Sie sich verlassen.
4. Prävention: Wie kann ein Delir vorgebeugt werden?
In diesem Bereich werden nicht-pharmakologische Maßnahmen zur Vermeidung eines Delirs erläutert. Dabei sind alle Maßnahmen settingspezifisch (z.B. Notaufnahme, Chirurgie, Langzeiteinrichtung oder ambulante Pflege) und berücksichtigen die besonders vulnerablen Gruppen, wie Menschen mit Demenz oder genereller Gebrechlichkeit (Frailty).
Praxis-Tipp: Achten Sie auf drei wichtige Aspekte:
- Orientierung & Sinne
- Schlaf & Licht
- Mobilisation & Flüssigkeit
Das sind Aspekte der täglichen plegerischen Arbeit, die einen großen Einfluss
haben können.
5. Delirtherapie: Wie sieht die Behandlung aus?
Die Therapie konzentriert sich auf die ursächlichen Faktoren und setzt eine nicht- medikamentöse Begleitung in den Vordergrund. Allerdings können Antipsychotika als ein zeitlich begrenztes „Sicherheitsnetz“ genutzt werden, um eine massive Belastung oder Eigengefährdung einzudämmen. Fixierungen hingegen sollten strikt vermieden werden!
Praxis-Tipp: „Low and slow“ – eine medikamentöse Therapie sollte so niederschwellig wie möglich angesetzt werden. Vorher sollten immer andere Stressfaktoren ausgeschlossen werden, so dass die medikamentöse Therapie der letzte Weg ist.
6. Follow-up care & Tertiärprävention: Was passiert nach dem Delir?
Hier wird die langfristige Versorgung nach einem Delir fokussiert sowie Maßnahmen zur Vermeidung von Folgeschäden und erneuten Delirien (Tertiärprävention). Dabei
steht ein transsektorales Management im Vordergrund. Praxis-Tipp: Informieren Sie alle beteiligten Einrichtungen über das Delirereignis und geben Sie alle notwendigen Informationen weiter, die weitere Delirien vermeiden können und dem Patienten Sicherheit geben.
Fazit für unsere Arbeit im Pflegenetzwerk Oberberg
Die 6 PICO-Fragen der neuen Leitlinie zeigen uns: Delir-Management ist Teamarbeit. Es geht nicht um die „eine Wunderpille“, sondern um Aufmerksamkeit, standardisierte Prozesse und eine gute Kommunikation zwischen allen Beteiligten – vom Krankenhaus über das Pflegeheim bis zum ambulanten Dienst. Gemeinsam kann das Risiko gesenkt, ein Delir schneller erkannt und die notwendige Behandlung zeitnah begonnen werden. Für uns im Pflegenetzwerk Oberberg ist klar: Nur wenn wir die wissenschaftlichen Erkenntnisse in die tägliche Praxis übersetzen, schützen wir unsere Patienten und Bewohner vor dieser Notfallsituation.
Lassen Sie uns gemeinsam daran arbeiten, dass „Verwirrtheit im Alter“ im Oberbergischen Kreis nicht mehr als Schicksal, sondern als behandelbarer Notfall gesehen wird.
Quelle: https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/109-001
