(Marius Hoffstädt, koordinierender Praxisanleiter Diakonie Michaelshoven) Wer eine Ausbildung in der Pflege macht, übernimmt früh Verantwortung. Da ist der erste Mensch, den man bei der Körperpflege begleitet und unterstützt. Das erste Gespräch mit Angehörigen, bei dem die Worte fehlen. Oder eine Veränderung im Gesundheitszustand, die verunsichert. In solchen Momenten brauchen Auszubildende jemanden an ihrer Seite. Einen Menschen, der erklärt, nachfragt und Sicherheit gibt. Und der auch sagt: Du darfst noch lernen. Du musst noch nicht alles können.
Genau deshalb liegt mir die Praxisanleitung am Herzen. Wir unterstützen angehenden Pflegefachkräften, Zusammenhänge zu verstehen und Entscheidungen zu begründen. Wir üben mit ihnen, schauen gemeinsam auf schwierige Situationen und geben ehrliche Rückmeldungen. Dabei erleben wir, wie aus Unsicherheit nach und nach Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten wird. Das ist ein wichtiger Teil unseres Berufs – und ein schöner.
Doch dafür brauchen wir Zeit. Und im Pflegealltag ist diese Zeit oft schwer zu schützen.
Kolleg*innen fallen aus, eine Tour muss übernommen werden oder die Bewohner*innen brauchen plötzlich deutlich mehr Unterstützung. Die geplante Anleitung gerät unter Druck. Gerade in kleineren Einrichtungen und Diensten hängt vieles an einzelnen Praxisanleiter*innen. Sind sie krank oder im Urlaub, fehlen schnell die Möglichkeiten, sich gegenseitig zu vertreten. Das belastet beide Seiten: die Auszubildenden, die Begleitung brauchen, und die Anleitenden, die ihren Aufgaben gerecht werden möchten.
Besonders deutlich wird das vor Prüfungen. Dann stehen viele Fragen im Raum: Bin ich gut vorbereitet? Kann ich mein Handeln erklären? Was mache ich, wenn etwas anders läuft als geplant? Jetzt braucht es Ruhe, gezielte Übung und verlässliche Ansprechpartner*innen. Gleichzeitig läuft der Pflegealltag weiter.
Ich finde: Mit dieser Aufgabe sollten wir die einzelnen Betriebe und ihre Praxisanleitenden nicht alleinlassen. An dieser Stelle bin ich froh das mein Arbeitgeber mir schon heute die Möglichkeit gibt meine Termine und Aufgaben selbst zu organisieren und mich dementsprechend vom Pflegealltag freistellt. Leider kann sich das nicht jeder Betrieb leisten.
Deshalb erarbeite ich derzeit für PNetO ein übergeordnetes Praxisanleiter*innen-Konzept. Die Idee dahinter ist einfach: Wir wollen die vorhandenen personellen Ressourcen und Erfahrungen in unserem Netzwerk besser miteinander verbinden. Davon sollen besonders kleinere ambulante Dienste, Tagespflegen und stationäre Einrichtungen profitieren.
Wie könnte das im Alltag aussehen? Denkbar sind gemeinsam geplante Lernangebote, ein Austausch von Anleitungsmaterialien und gegenseitige Unterstützung in besonders angespannten Phasen. Auch die Vorbereitung auf Prüfungen könnte gemeinsam organisiert und durchgeführt werden. Wenn frühzeitig bekannt ist, wann mehrere Auszubildende intensive Begleitung brauchen, lässt sich Unterstützung besser planen.
Dabei geht es auch um die Praxisanleitenden selbst. Wer andere begleitet, braucht ebenfalls Austausch: Wie erkläre ich eine schwierige Pflegesituation verständlich? Wie spreche ich Lernprobleme an? Wie helfe ich jemandem, der fachlich viel kann, sich aber wenig zutraut? Gemeinsam können wir Erfahrungen teilen und voneinander lernen.
Gerade die unterschiedlichen Pflegebereiche bieten dafür viele Möglichkeiten. Im ambulanten Dienst begegnen uns andere Abläufe als in einer Tagespflege oder einem Pflegeheim. Überall gibt es Wissen, von dem andere profitieren können. Wenn wir diese Erfahrungen zusammenbringen, stärken wir auch das Verständnis füreinander.
Damit das gelingt, braucht es klare Absprachen. Wer kann welche Unterstützung anbieten? Welche Zeit steht tatsächlich zur Verfügung? Wer bleibt für die Auszubildenden verantwortlich? Ein gemeinsames Konzept muss im Dienstplan und im Alltag funktionieren. Es darf nicht davon leben, dass engagierte Kolleg*innen immer noch etwas zusätzlich übernehmen.
Das Konzept entsteht gerade. Mein Ziel ist eine Zusammenarbeit, die Auszubildenden Sicherheit gibt und Praxisanleitende Methoden und Möglichkeiten zu geben größere Gruppen anzuleiten um die zeitlichen Ressourcen zu schonen und dabei die Qualität der Anleitung dennoch gleichbleibend hoch zu halten.
Denn wer heute gut begleitet wird, kann morgen selbst sicher Verantwortung übernehmen. Und vielleicht irgendwann sagen: Ich werde Praxisanleiter*in, weil ich erlebt habe, wie viel ein Mensch bewirken kann, der sich Zeit zum Erklären und anleiten nimmt.
Fragen? Gerne per E-Mail: m.hoffstadt@diakonie-michaelshoven.de
