(Christian Berger | MDL) Wer mit Pflegekräften im Oberbergischen Kreis spricht – ob in der ambulanten Tour, in der stationären Einrichtung oder in der Kurzzeitpflege – erlebt viel Engagement und Professionalität. Gleichzeitig ist spürbar: Die Anforderungen nehmen zu, während es immer schwieriger wird, ausreichend Personal zu gewinnen.
Trotzdem gibt es viele positive Entwicklungen: moderne Pflegeschulen wie die AGEWIS in Gummersbach, neue Ausbildungswege, erste Schritte zur Entbürokratisierung der Dokumentation und eine starke Selbstvertretung der Pflegeberufe. Darauf können wir aufbauen.
In meinen Gesprächen mit Pflegekräften, Einrichtungsleitungen und pflegenden Angehörigen im Oberbergischen Kreis begegnet mir immer wieder derselbe Wunsch: mehr Zeit für Menschen und weniger Zeit für Bürokratie. Als Landtagsabgeordneter für unsere Region und Mitglied des Ausschusses für Arbeit, Gesundheit und Soziales nehme ich diese Erfahrungen sehr ernst. Sie prägen meine Arbeit in Düsseldorf und zeigen, wo politische Entscheidungen im Alltag der Pflege tatsächlich ankommen.
Wenn wir die Versorgung im Oberbergischen Kreis und in ganz Nordrhein-Westfalen dauerhaft sichern wollen, müssen wir die Rahmenbedingungen weiter verbessern. Ziel ist, dass Pflege als attraktiver Beruf mit Perspektive erlebt wird – von jungen Menschen in der Ausbildung genauso wie von erfahrenen Fachkräften.
Hintergrund & Problemstellung
Der Fachkräftemangel in der Pflege ist Realität – aber er ist gestaltbar. Einrichtungen kämpfen zwar mit unbesetzten Stellen, und Dienstpläne sind häufig eng gestrickt. Gleichzeitig investieren Träger, Kommunen und das Land in neue Strukturen, Ausbildungsangebote und Entlastungsmaßnahmen.
Die Herausforderungen sind klar:
- Mehr Bedarf: Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt, viele leben mit Demenz oder mehreren chronischen Erkrankungen.
- Ambulant vor stationär: Mehr Menschen sollen möglichst lange zuhause versorgt werden, was Koordination und Abstimmung anspruchsvoller macht.
- Wachsende Anforderungen an Qualität und Dokumentation: Transparenz und Qualitätssicherung sind wichtig – dürfen aber nicht dazu führen, dass Pflegekräfte mehr Zeit am Schreibtisch als am Bett verbringen.
Gleichzeitig gibt es Fortschritte, auf die wir aufbauen können: Die Abschaffung des Schulgelds in den Pflegeberufen hat vielen jungen Menschen den Weg in die Ausbildung erleichtert. Mit der Pflegekammer NRW steht den Professionen eine starke, landesweite Selbstverwaltung zur Seite, die die Interessen der Pflege in Politik und Öffentlichkeit bündelt und fachlich fundiert vertritt.
Praxisbezug
Im Oberbergischen Kreis zeigen sich die Herausforderungen und Chancen besonders deutlich:
- Enger Personalmarkt: Einrichtungen und Dienste müssen um jede Fachkraft werben – gleichzeitig sind die Teams hochmotiviert, gute Pflege zu leisten.
- Komplexe Versorgungsbedarfe: Kurzzeitpflege, ambulante Dienste, stationäre Versorgung und pflegende Angehörige greifen ineinander; das erfordert gute Abstimmung und klare Strukturen.
- Gute Beispiele für Innovation: Mit der AGEWIS Pflegeschule in Gummersbach verfügt der Kreis über eine moderne, gut vernetzte Pflegeschule, die als Vorzeigeprojekt gilt. Das Land NRW hat dieses Projekt gefördert – für uns ein Beleg, dass regionale Ausbildungszentren ein Schlüssel zur Fachkräftesicherung sind.
Solche positiven Beispiele machen deutlich: Der Fachkräftemangel ist eine Herausforderung, aber wir haben vor Ort starke Partner und Strukturen, die Lösungen entwickeln.
Studien und Befragungen zeigen: Pflegekräfte wünschen sich vor allem verlässliche Arbeitszeiten, ausreichend Personal, gute Teamkultur, berufliche Entwicklungsmöglichkeiten und weniger Bürokratie. Die Bezahlung spielt eine Rolle, aber sie allein entscheidet nicht darüber, ob jemand bleibt oder geht.
Pflege- und Gesundheitswissenschaften betonen außerdem:
- Gute Arbeitsbedingungen verbessern nicht nur die Zufriedenheit, sondern direkt die Versorgungsqualität.
- Klare Karrierewege – von der Fachkraft über spezialisierte Rollen bis hin zu akademischen Qualifikationen – steigern die Attraktivität des Berufs.
- Entbürokratisierung, zum Beispiel durch strukturierte Informationssammlungen wie das Strukturierte Informationssystem (SIS), kann Pflegekräfte spürbar entlasten, wenn sie konsequent weiterentwickelt wird.
Lösungen & Handlungsempfehlungen
Um die Pflege zu stärken, braucht es Maßnahmen auf mehreren Ebenen – von der Praxis im Team über die Organisation bis hin zur Landespolitik.
Mikro-Ebene: Team und Pflegepraxis
- Dienstpläne gemeinsam im Team planen und transparent gestalten, um möglichst viel Verlässlichkeit für alle zu schaffen.
- Aufgaben so verteilen, dass Pflegefachkräfte ihre Kompetenzen an den Patientinnen und Patienten einsetzen können und bei rein administrativen Tätigkeiten entlastet werden.
- Fort- und Weiterbildungen als Teil der Arbeitszeit verstehen – nicht als zusätzliche Belastung, sondern als Investition in die eigene berufliche Entwicklung.
Meso-Ebene: Einrichtungen und Träger
- Moderne Arbeitszeitmodelle einführen, z. B. verlässliche Dienstzeitmodelle oder Pool-Lösungen, um Ausfälle besser abzufedern.
- Digitale Dokumentationssysteme und etablierte Verfahren zur Vereinfachung nutzen – etwa das Strukturierte Informationssystem (SIS) als eine bereits vorhandene, vereinfachte Form der Pflegedokumentation. Das SIS ist ein wichtiger erster Schritt; hier können wir noch mehr Potenziale zur Entbürokratisierung heben und weiterentwickeln.
- Nachwuchsgewinnung strategisch angehen: Kooperationen mit Schulen, Ausbildungsverbünden und Hochschulen sowie attraktive Praxisanleitung – so wie es etwa an der AGEWIS Pflegeschule in Gummersbach vorgemacht wird.
Makro-Ebene: System, Politik und Strukturen
Hier setzt die Landespolitik an – mit Maßnahmen, die wir weiterentwickeln und ausbauen:
- Ausbildungs- und Studienkapazitäten sichern und ausbauen
- Pflegeausbildung und Pflegestudiengänge in NRW quantitativ und qualitativ stärken – inklusive ausreichender Praxisplätze.
- Abschaffung des Schulgelds in den Pflegeberufen als dauerhafte Entlastung für Auszubildende sichern und offensiv kommunizieren.
- Die Pflegekammer NRW als Partner in der Weiterentwicklung der Profession nutzen – etwa bei Fragen der Fortbildung, Qualitätsstandards und beruflichen Entwicklungspfade.
- Attraktive, aber finanzierbare Arbeitsbedingungen
- Faire Entlohnung und Tarifbindung unterstützen – im Rahmen der sozialen Marktwirtschaft und so, dass Pflegebedürftige und ihre Angehörigen nicht überfordert werden.
- Entlastungsmaßnahmen gezielt dort ansetzen, wo sie Pflegekräfte spürbar erreichen: Personalbemessung, Vertretungsregelungen, Unterstützungsangebote für Teams.
- Entlastung durch Digitalisierung und bessere Prozesse
- Digitale Lösungen fördern, die Dokumentation vereinfachen und Schnittstellen verbessern.
- Bestehende Dokumentations- und Berichtspflichten kritisch prüfen und weiter entschlacken – mit Systemen wie dem SIS als Grundlage, die wir weiterentwickeln und an die Praxis anpassen, statt neue Parallelstrukturen zu schaffen.
- Landesförderplan „Alter und Pflege“ und Vereinbarkeit stärken
- Über den Landesförderplan „Alter und Pflege“ Quartierskonzepte, Beratungsstrukturen und niedrigschwellige Hilfen vor Ort fördern – auch im Oberbergischen Kreis. Gute Quartiersstrukturen entlasten professionelle Pflegekräfte, weil Hilfen früher und passgenauer greifen.
- Angebote zur Vereinbarkeit von Beruf und Pflege weiter ausbauen: Pflegewegweiser NRW, Beratungsangebote, Entlastungsleistungen und Alltagsunterstützung für pflegende Angehörige.
- Gezielte Anwerbung ausländischer Fachkräfte
- Die Landesregierung setzt sich im Schulterschluss mit der Koalition im Landtag für die Anwerbung qualifizierter ausländischer Pflegefachkräfte ein. Dazu gehören Anträge und Initiativen, die Anerkennungsverfahren beschleunigen, Sprachförderung verbessern und Integration in die Teams erleichtern.
- Ziel ist, internationale Fachkräfte als Ergänzung zu gewinnen – nicht als Ersatz für die eigene Ausbildung, sondern als wichtiger Baustein in einem vielfältigen Pflegeteams.
Mein Fazit
Der Fachkräftemangel in der Pflege ist eine große Herausforderung – aber er ist lösbar, wenn wir gemeinsam handeln. Im Oberbergischen Kreis sehe ich mit Projekten wie der AGEWIS Pflegeschule, engagierten Einrichtungen und einem starken Netzwerk, wie P.NetO, dass sich viel bewegen lässt.
Mein Ziel ist, dass Pflege wieder als Beruf mit Zukunft erlebt wird: mit guten, verlässlichen Arbeitsbedingungen, klaren Entwicklungsmöglichkeiten, weniger Bürokratie und einer starken Selbstvertretung durch die Pflegekammer NRW. Dazu gehören ausreichend Ausbildungs- und Studienplätze, moderne Arbeitsmodelle, intelligente Dokumentationssysteme wie das SIS oder deren Weiterentwicklung und eine gezielte Gewinnung internationaler Fachkräfte.
Wenn wir diesen Weg konsequent weitergehen, gewinnen alle: die Menschen, die auf Unterstützung angewiesen sind, ihre Angehörigen – und die Pflegekräfte, die tagtäglich mit hohem Einsatz für gute Pflege in Nordrhein-Westfalen stehen. Ich freue mich, diesen Weg gemeinsam mit den Akteuren vor Ort im Oberbergischen Kreis weiterzugehen und Ihre Erfahrungen aus der Praxis in die Landtagsarbeit einzubringen.
Als Abgeordneter aus dem Oberbergischen Kreis ist es mir wichtig, die Erfahrungen der Pflegekräfte, Träger und pflegenden Angehörigen direkt in die parlamentarische Arbeit einzubringen. Gute Pflege entsteht nicht am Schreibtisch in Düsseldorf, sondern jeden Tag vor Ort – in den Einrichtungen, Diensten und Familien. Deshalb werde ich mich weiterhin dafür einsetzen, dass die Rahmenbedingungen für die Pflege Schritt für Schritt verbessert werden.
